Sonntag, 22. Juli 2018

Die grosse Reise nach Spitzbergen

Die letzte Nacht machte zuerst wieder keinen ruhigen Eindruck. Gegen 2 Uhr in der Früh war wohl das Musikfestival, welches uns schon am baden hinderte, beendet und die ganze Menschenmasse pilgerte in die Hotels der Innenstadt. Anscheinend führte sie der schnellste Weg auch am Womo-Stellplatz vorbei. Grölend und singend zogen sie durch die Strassen, ein Blick nach draussen zeigte, dass dort sogar schon die Sonne schien. Doch eine Stunde später war auch der letzte Partygänger in der Innenstadt angelangt und ich konnte die restliche Nacht wundervoll schlafen. Melanie bemerkte von dem Ganzen natürlich auch diese Nacht mal wieder nichts. Was hat die für einen Schlaf.

Wir waren trotzdem beide sehr munter als uns der Wecker aus dem Schlaf riss. Heute war ja auch der grosse Tag. Der Tag der Abreise in den hohen hohen Norden. Zum Frühstück wurde der Kühlschrank leergegessen und der restliche Inhalt in Alufolie als Mittagessen verpackt. Wir waren die Ersten, welche sich vom Stellplatz verabschiedeten und aufbrachen. Viel zu früh waren wir dran. Doch was wollten wir hier herumsitzen und warten? Wir entsorgten noch alle Abfälle und Flüssigkeiten und stellten unser Wohnmobil vor der Werkstatt ab, welche sich in unserer Abwesenheit hoffentlich um die Heizung kümmert. Wir selbst versuchten uns eine Stunde früher als geplant ein Taxi an den Flughafen zu rufen. Doch irgendwie konnten wir keine Taxinummer der Flughafenhomepage erreichen. Es waren auch alles so kurze Nummern. Langsam wurden wir nervös. Doch zum Glück geht heutzutage ja alles online. So buchten wir ein Taxi und keine 5 Minuten später bog auch schon ein Kleinbus um die Ecke. Der aufgestellte Afrikaner kurvte uns zum Flughafen und sorgte für ordentlich Unterhaltung in dem Kleinbus. Wir verabschiedeten uns jedoch schon nach kurzer Fahrt wieder und betraten die Abflughalle des Flughafen Tromso.

Hier zeigte sich das, was man auch aus der Schweiz kennt. Personal kostet unnötig Geld und wird deshalb einfach weggelassen. Die SAS besitzt hier keinen einzigen Mitarbeiter mehr am Check-In. Jeder muss seine Boardkarte selbst am Automaten lösen und auch dort sein Gepäck einchecken. Auch am Baggage-Drop: keine Angestellten. Den Bändel muss man sich selbst ans Gepäckstück kleben, den Bändel mit dem Strichcode selbst einlesen und das Gepäck selbst auf die Reise via Förderband schicken. In einem fremden Land ist dies ein wenig umständlich, doch unser Gepäck war eingecheckt. Wir hofften einfach, dass es zum gleichen Ort reisen würde wie wir. Aufgabegepäck hatten wir übrigens nur wegen den Flüssigkeiten (Shampoo kostet 10 Franken die Flasche). Danach ging es schon ab durch die Zollkontrolle in den Zollfreibereich. Natürlich steppte hier nicht gerade der Bär. Viele Leute drängten sich um das Gate, von welchem ein Flieger bald nach Oslo starten sollte. Doch in den zwei oder drei Duty-Free-Shops war nicht viel los. Einer war sogar geschlossen. Man darf jedoch festhalten, dass man hier nach der Zollkontrolle noch immer mehr Möglichkeiten hat als in Berlin Tegel. Uns interessierten die Läden nicht so wirklich und wir begaben uns zu unserem Gate. Dieses befand sich im Untergeschoss, wo alle Flüge ins Nicht-Schengen-Ausland eingecheckt werden. Die Verbindung nach Longyearbyen ist die Einzige, welche dies betrifft. Ansonsten verkehren hier nur Flüge innerhalb Norwegens. So hatten wir hier unsere Ruhe und waren lange die einzigen Wartenden. Das änderte sich erst, als ich mich kurz auf die Toilette begab. Der Zoll nahm die Arbeit auf und als ich zurückkehrte hatte sich schon eine lange Schlange vor dem Schalter gebildet. Die Ersten werden die Letzten sein...

Nachdem wir auch nach der Zollkontrolle kurz warteten, konnten wir pünktlich den Flieger besteigen. Die Boeing 737 war ausserordentlich gut gefüllt. Die Verbindung zu den Rentieren scheint doch noch zu rentieren. Man war der jetzt schlecht... Wir setzten uns gleich hinter die Reihe 12... Vielflieger merken: in die Reihe 14. 13 gibt es bei Flugzeugen nicht, weil bringt Unglück. Wir hoben mit ein wenig Verspätung ab und waren schon bald über den Wolken angekommen. Die Sonne begrüsste uns und schien uns ins Gesicht. Das Wetter unter uns schien toll zu sein. Nur die Lofoten waren wie üblich in ihrem Nebelbad gefangen. Der Flug verlief ohne irgendwelche Zwischenfälle und bald senkten wir uns wieder unter die Wolkendecke. Hier sah es doch aus dem Flieger schon kühler aus als noch in Tromso. Doch auch ansonsten schien hier alles anders. Bald berührten die Räder den Boden und mit heftigem Bremseinsatz kam der Vogel zum Stillstand.






Nachdem die grosse Schlacht ausgestanden war (scheinbar bekommt der Erste, welcher den Flieger verlässt, noch immer 20 Gratisflüge...) traten auch wir in die kalte Luft von Spitzbergen. Ein neues Land, welches wir noch nie bereisten und wohl auch nicht daran dachten einmal zu bereisen. Svalbard & Jan Mayen Islands. Schon am Gepäckband begrüsste uns der erste Eisbär. Zum Glück war dieser ausgestopft und wir konnten in Sicherheit auf unser Gepäck warten. Und siehe da: es kam sogar an. Wir machten uns auf den Weg zum Bus, welcher zwischen dem Flughafen und der Stadt pendelt und sogar direkt vor unserem Hotel halten sollte. Der Busfahrer hatte noch einen kleinen Witz auf der Lippe, die Mimik blieb jedoch Norwegen-Typisch völlig unberührt. Nachdem alle Gepäckstücke abgeholt wurden, machte sich der Bus auf den Weg durch den Nieselregen. Die Fahrt dauerte länger als gedacht, wobei wir aber schon viel von der kleinen Forschungsstadt erblicken konnten. Wir bemerkten schnell: hier ist ein anderer Ort. Etwas, was wir noch nie gesehen haben. Eine wirklich total andere Welt. Man sieht den Häusern an, dass hier niemand einfach so wohnt. Die Insel lebt noch immer von den Kohleminen, von den Forschern und von ein paar wenigen Touristen. Und um diese drei Sachen dreht sich hier alles. 


Wir erreichten unsere Unterkunft, das Gjestehuset102. Das einzige Motel auf der Insel besticht durch ihren Preis, aber auch durch Authentizität. Das Motel kostet einen Drittel der wenigen, teuren, schicken Hotels auf der Insel. Doch hier wohnt man in einem ehemaligen Arbeiterhaus der Kohleminenarbeiter und der Inhaber hat hier als Minenarbeiter selbst jahrelang gewohnt. Authentischer geht es wohl kaum. Wie in allen Gebäuden im Norden und vor allem in Spitzbergen hiess es hier erstmals: Schuhe aus und herein in die warme Stube. Wir fassten unseren Schlüssel an der Rezeption und machten uns nach einem kleinen Breefing gleich in unsere Zimmer. Zwei Betten, eines links an der Wand und eines rechts. Ein kleines Waschbecken. Ein Schrank. Ein Spiegel. Ende der Einrichtung. Die Wände sind dünn, die Holzdielen im Korridor laut. Die Dusche, das WC, ein Fernsehzimmer und eine Küche teilen wir uns mit der ganzen Etage. Klingt nach wenig Luxus – macht das Erlebnis jedoch noch viel echter. 




Doch was machen wir denn die nächsten Tage nun hier? Die Stadt darf man ohne Guide nämlich nicht verlassen. Überall lauern Eisbären und andere wilde Genossen und ohne Gewehr und Können wird man diesen meist nicht Herr. So buchten wir diverse Ausflüge hier im Gjestehuset102. Denn der Inhaber kennt hier natürlich jeden und weiss auch, welche Angebote für Touristen am besten sind. Wir konnten also unkompliziert alle Touren im Hotel buchen und werden jeweils hier direkt an der Türe abgeholt. Eine super Sache und sehr freundlich wie das Ganze ablief. Welche Touren wir uns ausgesucht haben, werdet ihr in den nächsten vier Tagen hier erfahren.

Nun war es aber Zeit für einen ersten Gang vor die Türe. Nicht weit sollte uns dieser führen. 200 Meter entfernt wartete ein Geocache auf uns, unser erster Fund in Svalbard und Jan Mayen – ein wirklich seltener Länderpunkt. Doch schon die 200 Meter waren wieder unbeschreiblich. Ich kann das Gefühl wirklich nicht beschreiben, das einem beschleicht, wenn man hier durch die Strassen läuft. Die Gebäude, die Minen an den Hängen, die Berge, die Art... alles so speziell. Ein paar Dinge habe ich am Ende des Blog noch als FunFacts zusammengestellt.

Nun mussten wir aber essen. Melanie war schon seit Stunden hungrig und langsam nicht mehr zu halten. Gleich gegenüber von unserem Motel erwartete uns dann auch das Coal Miners Diner. Im Gegensatz zum Namen kam das Restaurant edel und chic rüber.Wir zogen die Schuhe aus und traten ein. Bestellt wird hier an der Theke und wir entschieden uns für zwei Beef-Burger mit Bratkartoffeln und je ein 0,33Liter Süssgetränk. 57 Franken bezahlten wir dafür, was wir als ganz okay befanden. Die Burger waren dann auch wirklich lecker. Sehr lecker sogar und die Kartoffeln ein Traum. Das erste Restaurant seit langer Zeit und dann noch so ein leckeres – wir waren begeistert. Spät war es schon als wir das Coal Miners Diner verliessen und direkt zu unserem Hotel spazierten. Ein Gang über die Strasse – hier wie ein kleines Abenteuer. 





Und nun noch ein paar FunFacts über Spitzbergen.

Longyearbyen ist eine rosarote Zone. Hier kann man sich frei bewegen. Ausserhalb der Zone ist es jedoch Pflicht eine Waffe auf sich zu tragen, um sich gegen Eisbären verteidigen zu können. Natürlich ist das Tragen einer solchen Waffe nur lizenzierten Guides und Einheimischen gestattet.

In der Stadt ist das Tragen von geladenen Waffen verboten und das Mitführen von Waffen (auch ungeladen) in der Schule, dem Museum, dem Flughafen und dem Einkaufszentrum verboten.

Alle Gebäude auf Spitzbergen stehen auf Holzpfählen. Dies um den Permafrost im Boden auch in den Siedlungen nicht aufzutauen. Der Boden ist nämlich hier überall gefroren (auch im Sommer), weshalb auch sämtliche Leitungen (Strom, Wasser, Abwasser) oberirdisch verlaufen.

Die Schuhe werden hier vor Eintritt in jedes Gebäude ausgezogen. Egal ob Motel, Restaurant, Einkaufsladen oder Postfiliale – Schuhe aus. Im Restaurant gibt einem das ein gemütliches Wohnzimmer-Feeling. Kuschlig.

In der Stadt Longyearbyen haben die Gebäude keine abschliessbaren Türen. Dies aus dem Grund, dass wenn sich ein Eisbär in die Stadt wagt, jeder in das nächstgelegene Gebäude fliehen kann – auch wenn es sich dabei um ein Wohngebäude handelt.

Die Kohlenminen der Russen sind hier auch heute noch in Betrieb. Die meisten Einheimischen arbeiten noch immer in den Minen, die meisten davon Russen.

Spitzbergen gehört etwa so zu Norwegen wie das Fürstentum Lichtenstein zur Schweiz. Eigentlich ist alles gleich aber es ist eben ein separates Land (mit der Insel Jan Mayen zusammen).


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen