Mittwoch, 25. Juli 2018

Hundeschlitten, Stadtbesichtigung und ein arktisches Abendessen

Wieder durften wir eine ruhige und erholsame Nacht in unserem Gjestehuset verbringen. Wenn man bedenkt, dass die Hotels hier in Spitzbergen für die 4 Nächte ganze 1'000 Franken mehr gekostet hätten, versteht man die Leute in den Hotels nicht. Hier reinigt halt eben niemand jeden Tag das Zimmer. Wieso das nötig sein sollte – keine Ahnung. Machen wir Zuhause ja auch nicht. Und das Frühstücksbuffet ist wirklich sehr gut bestückt und bot auch heute wieder alles was man sich wünschen kann.

Pünktlich um 09:00 Uhr standen wir vor dem Motel. Doch irgendwie schien uns niemand abzuholen. Es war schon 09:10 Uhr als ein silberner VW-Bus mit dem Logo von Svalbard Huskys auf den Vorplatz bog. Sofort sprang unsere Führerin aus dem Wagen, stellte sich als Andrea vor und entschuldigte sich für die Verspätung. Neben uns waren nur noch zwei andere Gäste gemeldet, welche jedoch einfach nicht am Treffpunkt waren und auch im Hotel nicht gefunden werden konnten. Doch natürlich gehe diese Zeit nun nicht von unserer Zeit ab, beruhigte sie uns. Wir freuten uns vor allem, dass wir nun also die einzigen Besucher dieser Tour waren.

Der erste Stopp war in einem Haus in der Stadt. Hier wurden wir ausgerüstet. Da es draussen schlammig war, erhielten wir warme Overalls (eine Art einteilige Skianzüge), gefütterte Stiefel, Handschuhe und Mützen. Somit waren wir ausgerüstet. Doch wo waren die Hunde? Hier im Büro waren es nur zwei Huskys, welche aus der gläsernen Tür nach draussen starrten. Der Grund, warum hier nicht mehr Hunde waren, ist, weil es in Longyearbyen verboten ist, mehr als 3 Hunde in einem Haus zu halten. Der Grund ist der Lärm, welchen die Hunde in ihrer Aufregung wohl gerne verursachen. So stiegen wir also wieder in den Bus und fuhren eine Viertelstunde über Schotterpisten in Richtung der Mine 7. Diese ist auch der Grund für die einzige Strasse, welche aus Longyearbyen hinausführt. Und an dieser Strasse begegnete uns plötzlich ein riesiger Zwinger, in welchem viele Hundehütten auf Stelzen hoch über dem Boden standen. In oder vor jedem Haus entdeckten wir einen Hund. An der Kette. Ein Bild, welches man eigentlich nicht gerne sieht. 



Doch schon bei der Ankunft erklärte uns Andrea alles über die Hundehaltung. Diese Hunde sind keine Haustiere, es sind Nutztiere. Das Leben in einem Haus wäre für diese Hunde nicht artgerecht. Und die Kette muss leider sein, damit die Kämpfe um den Rang im Rudel nicht eskalieren. Die Hunde machten zudem wirklich einen sehr gepflegten und gesunden Eindruck. Andrea vermochte uns auch mit ihrem Wissen zu zeigen, dass die Hunde mehr als nur Dinge waren, mit welchen man die Touristen unterhält. Sie kennt jeden Hund bei Namen, kennt die Grösse seines Geschirrs und den Ort seiner Hundehütte. Sie weiss genau welcher Hund neben welchem laufen kann, wer sich gar nicht verträgt und natürlich wer ein Leader ist und in die vorderste Reihe gespannt werden kann und welcher Hund einfach nur zieht zieht und zieht. Und das bei über 100 Hunden, welche hier in der Station leben.

In der Zeit in der Andrea noch ein paar Dinge vorbereitete, durften wir über die beiden Inseln spazieren. Auf einer Insel die Weibchen, auf einer anderen die Männchen. Die Hunde freuten sich riesig über den Besuch oder wollten uns einfach überzeugen, sie zu wählen. Die Hunde umarmten uns, hielten und fest, sprangen hoch und küssten unsere Gesichter. Vor allem die Männchen konnten sich beinahe nicht halten und mehr als einmal dachten wir, dass nun bald eine Hundehütte einstürzt. Spätestens nachdem der erste Hund vor den Schlitten gespannt wurde, gab es jedoch kein Halten mehr. Jeder wollte mit. Der Lärmpegel war enorm hoch (darum also nicht in der Stadt) und überall hüpften die Hunde herum wie Kängurus. Andrea hatte die beiden Teams für ihren und unseren Wagen gebildet, doch wir durften die Hunde bei ihren Hütten abholen. Dort legten wir ihnen das Geschirr an, was besonders bei einem hyperaktiven Hund für die letzte Reihe gar nicht so leicht war. Melanie hatte alle Hände voll zu tun mit ihm. Wir durften alle Hunde vor den Wagen spannen, der mangels Schnee mit Rädern versehen war. Dann wurde uns noch kurz der Wagen erklärt, Melanie setzte sich vorne auf den Wagen, ich stellte mich dahinter und schon zog Andrea davon. Langsam löste ich die Bremsen und die fünf Hunde rissen wie wild am Wagen. Wir fuhren tatsächlich – gezogen von Hunden. 



Anfangs konnte ich die Bremse gar nicht ganz lösen. Die Hunde hätten jegliches Tempolimit gebrochen und wären wohl auch nach 10 Minuten am Ende gewesen. Sie können sich die Kraft nicht so wirklich einteilen meinte Andrea. Sie würden einfach los sprinten bis sie zusammenbrechen. Doch nachdem sie sich 10 Minuten an das Tempo gewöhnten und auch die Zunge schon ein wenig aus dem Mund hing, ging alles ganz locker. Wir wurden von den fleissigen Fünf durch die wunderschöne Natur von Spitzbergen gezogen. Ein unvergessliches Erlebnis. Man ist den Hunden so nah, fühlt sich als einen Teil ihres Teams und kann auch bestens die Natur beobachten. Überall entlang der Strecke stehen Wasserkanister, welche wir teilweise nutzten um eine Pause einzulegen und die Hunde regenerieren zu lassen. Die 6 Grad heute waren für die Hunde, welche in der Kälte zuhause sind, schon recht warm (über 12 Grad gibt es keine Touren). Kurz dauerte jeweils die Rast ehe alle wieder bellten und wie wild am Wagen zogen. „Wir wollen weiter“ riefen sie uns zu. Melanie übernahm das Steuer und wir verliessen kurz darauf die Schotterpiste und begaben uns Off-Road durch die Landschaft. Wir besuchten einen Lostplace, umrundeten diese alte Umlenkstation der Minen 5 und 6, und machten uns auf den Rückweg. 







Der Rückweg war ein leichter Anstieg und wir wurden immer langsamer. Nicht ganz unschuldig daran war auch Blitz. Blitz hiess der Hund in unserer Mitte, welcher heute so gar keine Lust auf ziehen hatte. Während die anderen vier in ihren Geschirren lagen sah es bei Blitz mehr aus wie ein Spaziergang im Park. Das bemerkte natürlich auch Andrea. Da sie alleine war und wir zu zweit tauschte sie schnell den Hund aus ihrer Mitte mit Blitz aus. Nun ging wieder ein bisschen mehr. Gemütlich rollten wir zurück und schon viel zu bald waren die anderthalb Stunden vorbei. Wir lobten die Hunde ausgiebig ehe wir die süssen Hunde wieder in ihre Hütten brachten. Doch ein kleines Highlight folgte trotzdem noch. Damit sich die Hunde von klein auf an fremde Menschen gewöhnen, werden sie täglich damit konfrontiert. Heisst: wir durften Hundebabys besuchen, knuddeln und hochheben. 11 Wochen alt waren die fünf kleinen Pelzknäuel, welche mit ihren süssen Gesichtern zu uns aufblickten. Es war nicht leicht Melanie wieder aus dem Zwinger zu bekommen und ich riet Andrea, die Kleinen durchzuzählen, damit auch keines mitgenommen wurde. Ich kenne jemanden der sich über so ein Mitbringsel sicherlich freuen würde.



Wir fuhren nun zurück in die Stadt und schälten uns auf unseren Anzügen. Der Ausflug war leider vorbei. Doch auch dieser Ausflug hat sich wieder absolut gelohnt. Man darf den Hunden wirklich sehr nahe kommen, sich mit ihnen beschäftigen und es ist ein wunderbares Gefühl, wenn sie einem danach durch die wunderschöne Landschaft ziehen. Andrea hat zudem viel Ahnung von den Tieren und kann einem viel erzählen. Ein Fun-Fact noch zum Schluss: wir wollten anhalten als Blitz während seinem Spaziergang vor unserem Wagen plötzlich anfing ein grosses Geschäft zu verrichten. Doch Andrea hielt uns an weiterzufahren. Kurz später erklärte uns Andrea bei einem Halt, dass man nicht anhalten darf, wenn ein Hund mal muss. Jeder Hund ist es gewohnt sein Geschäft während dem Laufen zu verrichten. Das hat nichts mit Zeit sparen oder so zu tun sondern mit Sicherheit. Im Sommer ist es kein Problem den Wagen zu bremsen. Doch die Schlitten im Winter haben nur einen Anker, welcher sich erst im Schnee festhaken muss und darum ist das alles recht träge. Hält nun ein Hund an, halten sofort alle Hunde an und stehen. Und dann kommt der Fahrer mit seinem Schlitten und überfährt unweigerlich alle Hunde. Darum müssen die Hunde also im laufen – sind sich das aber gewohnt.

Wir liessen uns von Andrea wieder beim Coop aussetzen (haben wir schon erwähnt, dass es sich um den nördlichsten Coop der Welt handelt?) und holten uns dort eine warme Nudelportion am Take-Away. Dieses leckere Mittagessen nahmen wir draussen am Picknicktisch zu uns, ehe wir uns nochmals auf eine kleine Wanderung begaben. Etwa zwei Kilometer wanderten wir zum wohl meist besuchtesten Verkehrsschild der Insel. Das Eisbär-Warnschild. Hier endet die rosa Zone und es wird dringend empfohlen ab hier eine geladene Waffe zu tragen. So tat es auch Andrea heute früh. Waffen kann man in der Stadt in jedem Sportladen übrigens kaufen. Munition auch. Ob das nur Einheimische dürfen wissen wir nicht – aber spätestens beim Rückflug wird es sowieso schwierig die neu erworbene Smith & Wesson durch die Sicherheitskontrolle zu bringen. Wir wendeten am Schild natürlich wieder und machten uns auf den Weg zum Motel. Den Weg versüssten wir uns noch mit dem nördlichsten Wherigo der Welt (GC762XJ), welchen wir auch gut spielen und loggen konnten. Der Weg zum Motel zog sich wieder über 20 Minuten hin, doch so waren wir noch ein wenig an der frischen Luft. Im Motel ging es dann unter die Dusche und wir ruhten uns ein wenig aus bevor es wieder in die Stadt ging. 




Für unsere letzte Tour mussten wir in die Stadt spazieren. Keine Abholung vor Ort gab es für die Stadtführung mit anschliessendem Arctic Menu. Doch das war nicht weiter schlimm. Nachdem wir faul im Motel rumgelegen hatten, kam uns die Kühle gerade entgegen. Doch wir mussten uns beeilen, war der Weg doch weiter als gedacht und wir kamen erst 5 Minuten vor der vereinbarten Zeit am Treffpunkt an. Doch da war gar niemand. Jedenfalls nicht bis uns Marion ansprach und sich als unser Guide vorstellte. Auch hier waren wir heute die einzigen Besucher – man merkt: das Ganze hier ist nicht so touristisch wie anderswo. Besonders witzig wurde es, als wir auf unsere Herkunft zu sprechen kamen, denn Marion stammt ebenfalls aus der Schweiz. Erst seit zwei Jahren lebt sie hier auf Spitzbergen. Doch die Tour konnte trotzdem nicht in heimeligen Schweizerdeutsch stattfinden. Die ehemalige Lehrerin stammt nämlich aus Lausanne und spricht nur Französisch, Englisch und ein bisschen Norwegisch.

Wir starteten unsere Tour in der Stadtmitte und Marion begann mit der Geschichte der Insel. Mit der belegten Entdeckung durch den Holländer Barentsen und den Behauptungen der Norweger und der Russen, zuvor schon an diesem Ort gewesen zu sein. Walfang, Walrossfang, Jagd auf Pelze und arktische Tiere, Beginn des Kohlenabbaus. Alles kannten wir schon, Marion erzählte es jedoch noch ein wenig vertieft. Anfangs startete unsere Führerin noch mit angezogener Bremse, doch je länger die Tour dauerte, desto mehr kam sie in Fahrt. Wir lernten so viel über diesen tollen Ort, besuchten interessante Plätze und konnten durch die geringe Teilnehmerzahl auch viele Fragen stellen. Natürlich kann ich hier nicht die ganze, sehr sehr spannende Geschichte dieses Ortes wiedergeben, doch ich habe immerhin wieder ein paar Fun-Facts für den Schluss des Blogs. Abgeschlossen hatten wir die Tour nach über zwei Stunden mit einem kleinen Ausblick in die Zukunft. Dieser fiel leider nicht so rosig aus. Die Arbeiten in Minen 7 werden wohl in den nächsten drei oder vier Jahren eingestellt und somit muss Spitzbergen dann voll auf die Karte Tourismus setzen. Die Insel wird viel an Unberührtheit und Authentizität verlieren und überlaufen und überbaut werden. Zudem wird die Stadt auch ihr Bild verändern. Die letzten beiden Winter suchten durch die ständig ändernden Temperaturen zum ersten Male Lawinen das Dorf heim. Sechs Einfamilienhäuser und ein Mehrfamilienhaus wurden dabei verschüttet und zerstört. 70 Wohnungen wurden deshalb auf Mai 2018 evakuiert und die Menschen woanders untergebracht. Doch wo bringt man in so einem kleinen Ort so viele Menschen spontan unter? Viele mussten die Insel aufgrund Wohnungsnot verlassen und mittlerweile baut man am Flussufer wie wild neue Siedlungen. Am Bachbett ist es auch gefährlich – doch es müssen weitere 130 Wohnungen evakuiert werden und schlussendlich wird das halbe Dorf abgerissen. Auch ganz Nybyen, mit all seinen Arbeiterbehausungen (Gjestehuset102, Coal Miners Cabins) und vielen Gebäuden soll evakuiert und abgerissen werden. Kehren wir in fünf Jahren hierhin zurück, werden wir das Dorf nicht wiedererkennen. Und wer diesen magischen und einmaligen Ort noch erleben möchte: nicht warten – buchen. Jetzt. Sofort!






Nach der Führung bedeutete heute: vor dem Essen. Ein arktisches Menü wurde uns versprochen und Marion führte uns ins Restaurant Polfareren. Wir quatschten noch ein wenig ehe sie sich verabschiedete und uns mit dem spannenden Menü alleine liess. Schon der Starter, eine Art Kräcker mit sämigem Hummus machte Lust auf mehr. Die restlichen drei Gänge – Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise – kann ich nur auf das Wichtigste zusammenfassen. Die überfreundliche Kellnerin stand jeweils eine Minute neben unserem Tisch, um uns das Essen zu präsentieren und alle Zutaten zu nennen. Ich hatte also generell keine Ahnung, was wir da zu uns nahmen. Doch es war lecker. Traumhaft. Genial. Ich weiss gar nicht wie ich ausdrücken soll WIE lecker es war. Zur Vorspeise ein Wal-Carpaccio auf einer grünen Mayonnaise. Danach eine Hauptspeise bestehend aus lokalem Gemüse, Karotten mit Ingwer angebraten und einem Rentiersteak an Pilzsauce. Zu guter Letzt ein Dessert bestehend aus einer Kugel Ananassorbet in einem See aus Mangokompott übergossen mit Orangensauce. Klingt speziell und war speziell. Aber alles lecker. Am meisten überrascht war ich dabei, dass Wal keineswegs nach Fisch schmeckt. Ich gönnte mir zu dem Essen zudem ein Bier, ein IPA der Lokalen Brauerei – natürlich der nördlichsten der Welt.

Mehr als zufrieden machten wir uns auf den Heimweg. Wir quatschten viel über dies und das und so verging die Zeit wie im Flug. Trotzdem war es schon beinahe Mitternacht als wir in unseren Betten im Motel lagen. Erneut ein spannender Tag, welcher hier zu Ende ging. Leider unser letzter. Denn schon morgen geht es zurück nach Tromso.

Nun doch drei FunFacts zum Schluss (obwohl sie nicht alle so lustig sind): Der Aufenthalt, die Wohnungssuche und die Arbeit in Svalbard ist gemäss Spitzbergenvertrag den Bürgern sämtlicher unterzeichnender Länder gestattet (darunter auch die Schweiz). Man darf jedoch nur so lange auf der Insel leben, wie man sein Leben komplett selbständig bestreiten kann. Braucht man finanzielle, medizinische oder sonstige Hilfe, muss man die Insel verlassen. Darum wird man hier auch niemals alte oder eingeschränkte Menschen finden. Sie alle müssen die Insel verlassen. Das Land hat keine Sozialinstitutionen, keine Alterenpflege, kein ausreichendes Medizinsystem. Trotzdem müssen laut einer EU Richtlinie, welche auch für Svalbard und Jan Mayen gilt, sämtliche Gebäude rollstuhltauglich gebaut sein. Das werden sie auch. Doch ausserhalb der Gebäude kann sich ein Rollstuhlfahrer leider nicht fortbewegen – die Strassen sind zu schlecht und Gehwege fehlen komplett.

Es ist verboten sich hier auf Spitzbergen beerdigen zu lassen. Es gibt auch keinen Friedhof. Der Grund liegt wieder beim Permafrost. Über dem Permafrost liegen dicke Schichten von Schutt und Erde, welche immer in Bewegung ist. So passierte es früher immer wieder, dass der Boden die Leichen nach fünf bis zehn Jahren wieder ausspuckte. Durch den Permafrost und das völlige Fehlen von Würmern und Insektenarten auf der Insel, waren die Leichen jedoch kaum verwest. Und damit heute nicht nach jedem Regenfall irgendwo ein Toter durch das Dorf treibt, lässt man es mit dem Begraben eben sein. Es sterben sowieso sehr wenige Leute auf Spitzbergen, da sie (siehe den vorherigen Punkt) die Insel meist schon zuvor verlassen mussten.

Da man hier überall die Schuhe ausziehen muss, laufen eben alle in Socken durch die Gegend. Und hier darf – oder muss – es verrückt sein. Die nette Dame im Restaurant war dem Restaurant entsprechend sehr chic gekleidet, sehr zurechtgemacht und trug rosarote Socken mit dem grossen Abbild von Pink Panther darauf. Zum Schiessen.

Zu guter Letzt dürfen die Häuser in Longyearbyen nur in Farben gestrichen werden, welche sich im Umkreis von 20 Kilometern um das Haus herum in der Natur finden lassen.

Dienstag, 24. Juli 2018

Unter Tage wie die Minenarbeiter von Spitzbergen

Der gestrige Tag machte müde. Sehr müde sogar. Kaum hatten unsere Köpfe das Kissen berührt, schwebten wir hinfort. Melanie sogar ohne die Schlafmaske und ich ohne die Gehörpfropfen. Während Melanie gegen 5 Uhr die Maske noch überzog, schlief ich bis 7 Uhr durch und hatte so noch einen kleinen Vorsprung auf den Wecker. Nachdem dieser erklang machten wir uns gemütlich auf den Weg zum Frühstück. Heute sollten wir erst um 09:00 Uhr abgeholt werden und so blieb uns mehr Zeit. Diese brauchten wir dann auch, da wir mit zwei Finnen an unserem Tisch ins Gespräch kamen. Das ist wirklich toll an so einem Motel – man kommt viel leichter mit Menschen in Kontakt als in einem Hotel. Nur drei Tische gibt es hier im Frühstücksraum und so lernt man sich kennen. Dies führte jedoch dazu, dass wir uns dann doch noch beeilen mussten, jedoch warm angezogen um 08:50 Uhr vor dem Motel bereitstanden.

Heute wurden wir von einem kleineren Gefährt abgeholt. Ein aussen schmutziger Kleintransporter mit 9 Sitzplätzen, wovon bei der Ankunft nur der Fahrersitz belegt war. Die Fahrerin stieg aus und begrüsste uns herzlich. Heute war es eine junge Norwegerin, welche sich als Hildy vorstellte und uns auf eine besondere Reise nahm. Auch die anderen Sitzplätze wurden noch gefüllt und somit waren wir alle acht Touristen, welche pro Tag den speziellen Ort am Rande der Stadt besuchen durften. Auch auf diesen Trip freuten wir uns, da es zu DEM Ort ging, welcher Spitzbergen belebt und wessen Geschichte sich durch all die Jahre zieht. Eine Kohlenmine. Genauer gesagt Mine 3.

Schon während der Autofahrt erzählte uns Hildy einiges über die Geschichte des Kohleabbaus in Spitzbergen. Nachdem die Geschichte mit Wal- und Walrossfang vorbei war, stellte die Kohle den einzigen Wirtschaftszweig der Insel dar. Obwohl es hier im Fels nur eine einzige Kohlenschicht gibt, gräbt man seit über 100 Jahren nach dieser. Der Grund: es gibt weltweit keine Kohle, welche so chemisch rein ist, wie die Kohle aus dieser Schicht in Spitzbergen. Doch erst ging es in der Geschichte ganz weit zurück. Woraus besteht denn Kohle eigentlich? Aus organischem Abfall. Also Pflanzen. Diese werden zu Erde und aus 14 Metern Erde wurde unter ungeheurem Druck über die Millionen von Jahren eine 40 bis 120 Zentimeter dicke Kohleschicht. Auf Spitzbergen gibt es aber gar keine Pflanzen. Doch vor ebendiesen Millionen von Jahren befand sich die Insel auch noch dort wo heute Frankreich liegt – hatte also durchaus eine aktive Flora.

Wann genau die Kohle hier entdeckt wurde kann man nicht genau sagen. Nur dass ein amerikanischer Kreuzfahrttourist 1906 Spitzbergen besuchte. Der Mann mit dem Namen John Munro Longyear (daher der Name der Stadt) roch das Geld und eröffnete die erste Mine, die Mine 1, auf der Insel. Diese lief sehr gut und schon bald wurde in einer zweiten Mine weitergearbeitet. Doch dann kam der zweite Weltkrieg und damit die Deutschen. Obwohl alle Mineure evakuiert wurden, besetzten die Deutschen das Gebiet um die Wetterstationen von Spitzbergen nutzen zu können. Bevor sie das Gebiet kurz später wieder verliessen, beschlossen sie jedoch die gesamte Stadt abzubrennen und auch die Mine 2 in Brand zu setzen. Beim Abbau von Kohle entsteht Methangas und so brannte die Mine 2 stolze 19 Jahre lange ehe das Feuer erlosch. Brauchbar war sie danach natürlich nicht mehr. Nachdem die Arbeit in Mine 1 wieder aufgenommen wurde, begann man mit dem Aufbau der Mine 2B. Neuer Besitzer der Minen war die Store Norske Spitsbergen Kulkompani, welche immer mehr Minen eröffnete und auch bis heute noch alle Minen besitzt. Gearbeitet wird jedoch heute nur noch in Mine 7.

Wir standen nun in Mine 3 und wurden nach der Geschichtslektion in blaue Overalls, sogenannte Lumpen gesteckt, man setzte uns einen Helm mit Lampe auf den Kopf und unsere Hände wurden in Handschuhe gesteckt. Wir checkten ein und betraten die Betriebsgebäude. Die spannende Entdeckungsreise begann. Die Mine 3 und die Gebäude sind noch immer in originalem Zustand. Denn die Mine wurde einfach von heute auf morgen geschlossen und die Arbeiter gingen einfach nach Hause. Dies war im Dezember 1996 und so hing sogar noch die Weihnachtsbeleuchtung im Büro. Am Bahnhof konnten wir uns in die Züge setzen, welche die Minenarbeiter damals tief in den Berg fuhren. Die Bahn ist extrem flach, da man nicht einmal überall im Stollen aufrecht sitzen konnte. Dort mussten sich die Mineure teils in den Wagen hinlegen um durch die 70 Zentimeter hohen Räume zu passen. In drei Schichten wurde gearbeitet. Die erste schlug die Kohle aus dem Berg. Dabei handelte es sich um eine Schicht, welche teils nur 40 Zentimeter hoch war. Das war auch der Platz, welcher den Mineuren mit ihren schweren Maschinen blieb. Mit Kohlestaub behangene Luft füllte die Kammern und machte das Arbeiten sicherlich nicht angenehm. Die zweite Schicht führte die Kohle aus dem Berg. Ebenfalls ein harter Job. Und die letzte Schicht kümmerte sich darum, die Stollen abzustützen um einen Einsturz zu verhindern. Ich rede hier in Vergangenheitsform – doch man bedenke, dass in Mine 7 auch heute noch so gearbeitet wird! Die dortigen Maschinen, welche die Schichten aus dem Berg kratzen, sind an die 2 Tonnen schwer und werden mit Seilen von Hand durch die dort etwa 70 bis 120 Zentimeter hohen Gänge gezerrt. In der Schweiz mit unseren Arbeitsgesetzen absolut undenkbar. In der Geschichte der Minen haben hier bis 2018 insgesamt 124 Menschen den Tod gefunden.

Nachdem wir die Verladestation besuchten, durften wir uns in einen nachgebildeten Stollen zur Arbeit begeben. Niemand wagte es eine Maschine oder ein Arbeitsgerät in diesen 25 Meter langen Nachbau mitzunehmen. Bei 70 Zentimeter Höhe war alleine das Fortbewegen schon mühsam genug. Ein richtiger Seitenstollen war jedoch gut und gerne einmal 250 Meter lang. Nach dem Stollen folgte bei uns die Werkstatt. Sämtliche Werkzeuge und Maschinen wurden hier selbst hergestellt, was auch viele Arbeitsplätze schaffte. Zum Schluss folgte dann noch der letzte Part, worauf wir uns alle natürlich am meisten freuten. 250 Meter durften wir durch den Hauptstollen bis zum ersten Seitenstollen wandern. Langsam zeigte sich die Kohleschicht, welche immer dicker wurde. Kaum war sie so hoch, dass ein Mensch durchpasste, begannen auch schon die Seitenstollen. Wir erfuhren auch hier viele interessante Dinge, testeten die absolute Dunkelheit, und durften selbst Kohle abbauen. Unter widrigsten Bedingungen schaffte ich es mit Bohrer und Dynamit in einem engen Seitenstollen ein paar Stücke Kohle aus dem Berg zu holen. Naja – vielleicht war es auch ein bisschen weniger spektakulär, doch wir durften alle Kohle aus dem Stollen mitnehmen. Die reinste Kohle der Welt. 










Die wirklich interessante Führung war damit beendet und wir konnten einen Einblick in eine unglaubliche Tätigkeit erhaschen, welche hier in Spitzbergen noch immer andauert. Mit Hildy hatten wir zudem eine geniale Führerin, welche mit viel Witz und Charme von der Mine und ihren Menschen erzählte. Sie hatte viele Anekdoten auf Lager, da sie immer wieder Leute in die Mine führt, welche früher hier arbeiteten und nun auf einen Besuch zurückkehren. Dabei auch eine Frau, die letzte Managerin der Mine 3, welche als Putzfrau in der Kantine der Mine 2B ihre Karriere bei der Gesellschaft startete. Auch Hildys jetziger Boss war einst ein Minenarbeiter. Der Inhaber unseres Gästehauses arbeitete damals ja auch in der Mine 3, und mittlerweile in der Mine 7. Alles hier in Longyearbyen hat mit diesen Minen zu tun, man sieht sie – und ihre Überresten – überall und so ist es ein MUSS, sich mit dieser Geschichte hier vor Ort auseinanderzusetzen.

Nach der Führung liessen wir uns von Hildy in der Stadtmitte absetzen. Die Stadt hatten wir bisher ja nur aus fahrenden Bussen gesehen und das wollten wir nun ändern. Auch wollten wir uns schnell etwas zu Essen aus dem Coop in der Stadt holen. Dieser ist hier verständlicherweise ein wenig teurer als auf dem norwegischen Festland oder Zuhause. Doch es hielt sich absolut im Rahmen. Wir konnten uns dafür gleich im Einkaufszentrum an den Tisch setzen und unsere Sandwiches verspeisen, ehe wir in die Kälte traten. Wir erkundeten das Lumpen-Zentrum (der Name kommt von den Overalls) und diverse andere Läden. Vor allem Sport- und Outdoorausrüster findet man hier. Aber auch alles des täglichen Bedarfs. Auch neue Handys werden hier angeboten – einigermassen preiswert. Ein Angebot von dem ich vielleicht Gebrauch machen werde, da bei meinem Handy leider der Bildschirm seinen Dienst quittiert hat.

Wir spazierten also langsam in Richtung des Meeres. So kamen wir unweigerlich zum Svalbard Museum. Die paar Kronen Eintritt gönnten wir uns und lernten in dem kleinen, aber gut gestalteten Kuppelbau viel über die Geschichte der Insel. Von der Entdeckung über Walfang, Walrossfang, Kohlengraben bis zum Tourismus und dem Global Seed Vault, dem Ort an dem die Samen von hunderttausenden Pflanzen aus der ganzen Welt lagern. Sicher verwahrt, im Permafrost konserviert, in Sicherheit. Plötzlich überschwemmten viele Leute das zuvor beinahe leere Museum. Zu aller Überraschung handelte es sich dabei ausschliesslich um Schweizer. Auf Nachfrage bestätigten diese, zu einer Reisegruppe aus der Schweiz zu gehören und wir quatschten noch eine längere Zeit mit einer weit gereisten Dame. Ein Stromausfall liess die Besucher dann ins Freie treten. Das der Strom hier ausfällt passiert immer wieder. Die Insel ist nicht an das Festland angeschlossen und produziert den Strom ausschliesslich selbst. Natürlich aus Kohle. Alleine dafür geht ein Viertel der jährlich geförderten Kohle drauf. Wir waren sowieso gerade durch und machten uns so auf den weiteren Weg.





Wir besichtigten die Stadt nun in Verbindung mit Geocaching. Dieses Hobby führte uns auch hier an versteckte Orte und ermutigte uns zu Fuss die tolle Stadt zu erkunden, im Gegensatz zu den Touristen welche immer wieder in Bussen, angeschrieben mit: „SIGHTSEEING BY BUS“, an uns vorbeizogen. Wir entdeckten somit die zentrale Station, bei welcher die oberirdischen Minenseilbahnen aus allen Minen zusammenkamen und per Förderband die Kohle in die Silos weitertransportiert wurde. Von hier aus spannen sich, die noch immer vorhandenen, Holzmasten in geraden Linien durch die Landschaften zu den Eingängen der Minen 1, 2B, 3 und 7. In Betrieb ist die fast komplett aus Holz gefertigte Seilbahn schon lange nicht mehr. Ebenfalls fanden wir die nördlichste Sonnenuhr der Welt. Wohl auch diejenige mit den wenigsten Arbeitsstunden. Auch im Sommer scheint hier die Sonne nicht oft. Wolken (wie heute) sind an der Tagesordnung und im Winter erscheint die Sonne für über vier Monate nicht einmal am Himmel. Erst als unser Akku erschöpft war, machten wir uns auf den Weg zurück zu unserer Unterkunft, welche sich 20 Minuten Fussmarsch ausserhalb, in Nybyen befindet. Dieses Dorf wurde im Übrigen gegründet, nachdem Longyarbyen (byen=dorf) von den Deutschen zerstört wurde. Deshalb Nybyen – neues Dorf.











Wir genossen es uns im Zimmer kurz hinzulegen und gemütlich den Blog zu beginnen und andere Dinge zu erledigen. Als der Hunger überhand nahm, wurde erneut das Coal Miners Diner besucht. Heute war nach dem Beef- und dem Rentierburger das Tenderloinsteak an der Reihe. Ein Traum. Selten habe ich so ein lecker zubereitetes Stück Fleisch gegessen. Auch heute wieder absolut lohnenswert, aber für uns das letzte Mal. Morgen geht es für einmal noch woanders hin. Den Rest des Abends verbringen wir nun im Motel und gehen früh schlafen. Morgen werden wir erneut um 09:00 abgeholt. Auch morgen stehen wieder zwei spannende Abenteuer auf dem Programm.


Montag, 23. Juli 2018

Zu Besuch in einer russischen Geisterstadt

Eine wundervolle Nacht verbrachten wir beide in unseren jeweiligen Betten im Gjestehuset. Der Helligkeit im Zimmer konnten wir zum Glück mit unseren Schlafmasken entgegenwirken, der Hellhörigkeit mit den Gehörstöpseln. Der Wecker klingelte uns pünktlich um 07:00 Uhr aus dem Bett und draussen war es genau gleich hell wie schon um 01:50 Uhr und 03:20 Uhr als ich kurz aufwachte. Nur ein kleines Detail war anders, was mir jedoch erst auf den zweiten Blick auffiel. 



Wir stürzten uns gleich um 07:30 Uhr auf das Frühstücksbuffet, welches für ein Motel wirklich sehr gut bestückt war und uns allerlei zur Stärkung bot. Nach dem Frühstück verschwanden wir gleich wieder im Zimmer um uns dort in unsere wärmsten Kleider zu hüllen, ehe wir uns um 08:20 Uhr vor dem Motel einfanden. Wir standen noch keine zwei Minuten vor der Tür als wir schon Besuch erhielten. Jakub, unser Guide für den restlichen Tag, begrüsste uns und wir bestiegen als Erste den Reisecar. Dieser füllte sich bei jedem Hotel wieder ein bisschen mehr und fuhr uns schlussendlich zum Hafen von Longyearbyen. Hier verliessen wir den warmen Bus wieder und sollten auf ein Schiff umsteigen. Doch haaaaalt! Was entdeckten wir denn da? Ein kleines rotes Schiff mit Schweizerfahne? San Gottardo? Den 20Minuten-Lesern dürfte dieses Schiff bekannt vorkommen, besitzt es und seine Crew doch seit ein paar Tagen einen Live-Ticker über ihre Forschungsarbeit hier auf Spitzbergen. Leider mussten wir wirklich an Board unseres, ebenfalls roten, Schiffes und konnten so keinen Schwatz mit den Schweizern führen.



Jakub begrüsste uns auf dem Schiff nochmals, erzählte uns von sich, von der heutigen Reise und natürlich von den Sicherheitsvorschriften an Board. Nach dieser Einführung begaben wir beide uns dann auch gleich auf Entdeckungstour durch unser Schiff, welches uns heute viele Stunden beherbergen sollte. Wir schlichen durch die Korridore, besichtigten sämtliche Decks und statteten auch dem Kapitän auf der Brücke einen kleinen Besuch ab. Nach dieser Besichtigung wussten wir dann auch, dass das vordere Deck unser Platz für das Bestaunen der Landschaft werden würde. So liessen wir uns auch gleich dort nieder und genossen die wundervolle Landschaft. Die Landschaft in Spitzbergen lässt sich nur schwer beschreiben. In der Umgebung der Stadt entdeckten wir vor allem Felslandschaften. Die Felsen sind jedoch mit kleineren Felsstücken übersät, zwischen denen grünes Moos und ganz selten auch ein wenig Gras schimmert. Eine spezielle und unwirkliche Szenerie. Wendet man sich dann gegen Westen, so erblickt man auf der anderen Seite des Fjords, das was man sich unter Arktis vorstellt. Schnee und ewiges Eis. Nicht bloss einen oder zwei Meter – nein über 40 Meter türmt sich das Eis hier auf und lässt nur die grauen Bergspitzen hervorblitzen. Doch wir hielten sicheren Abstand von diesen Eismassen und wendeten uns nordwärts. 





Nach über einer Stunde passierten wir ein Haus, in welchem viele Menschen im 1930 den Tod fanden. Erst 2012 fand man abschliessend heraus, dass sie einer Lebensmittelvergiftung zum Opfer fielen. Das Haus ist für jedermann offen, kriegt jedoch komischerweise nur selten Besuch. Nochmals eine Stunde später liefen wir in die Skansbukta ein. Die Bucht unterscheidet sich in einer Kleinigkeit von den restlichen Buchten hier in der Gegend. Die unterste Schicht der Felsen um sie herum, bestehen aus Gips. Diesen Gips wollte man hier abbauen und eröffnete darum 1924 die Gipsmine. Leider fand man heraus, dass im Inneren des Berges das für Gips so wichtige Wasser fehlte und der brauchbare Gips sich auf eine kleine Schicht am Äusseren beschränkt. Somit wurde die Mine gleich wieder geschlossen. Jakub wusste wirklich über alles Bescheid und konnte zu Allem eine Geschichte erzählen. 





Drei Stunden dauerte unsere Schifffahrt, ehe wir im nächsten Hafen einliefen. Obwohl Hafen übertrieben scheint. Nur ein paar Holzdielen erinnern hier noch an die goldenen Zeiten. Wir waren in Pyramiden angekommen. Pyramiden ist eine russische Stadt, welche seit 1998 völlig verlassen ist. Eine Geisterstadt. Eine russische Geisterstadt auf dem 78sten Breitengrad. Spezieller geht es wohl kaum. Jakub installierte unsere Treppe zum Festland und verliess uns dann aber. Er übergab uns an eine Führerin – ebenfalls Russin. Sie denken jetzt wohl entweder an die Kugelstosserin oder das Topmodel, aber die Wahrheit lag irgendwo in der Mitte. Sie ist jedenfalls eine von 10 bis 20 Menschen, die sich längere Zeit hier in Pyramiden aufhalten. Es sind dies alles Russen oder Bürger ehemaliger USSR-Staaten. Für andere Bürger ist der längere Aufenthalt hier nämlich verboten. Wir wurden begrüsst und bestiegen auch gleich einen kleinen Reisebus, welcher von einem Russen gesteuert wurde, die Pistole in Griffweite. Auch hier schienen also Eisbären eine Gefahr darzustellen. Nur kurz dauerte die Fahrt, ehe uns der Bus am Stadteingang aussetzte. 



Von hier aus konnten wir gut die Kohlemine am Berghang erblicken. Unüblicherweise befand sich hier der Eingang oben am Berg und man grub sich in die Tiefe. Bei Kohlenminen geschieht dies normalerweise andersrum. Die nette Dame erzählte uns alles über die Entstehung der Minenstadt. Wie die Russen nach Pyramiden und Barentsburg (südlich Longyearbyen) kamen und nach Kohle gruben. Wie die Russen ihre Staatsmänner 1943 mitten im Aufbau der Minen, angesichts der zweiten Weltkriegs evakuierte und wie man die Minen ab 1954 wieder in Betrieb nahm. Der Aufwand war hoch. Hier in Pyramiden sogar noch höher als im südlicheren Barentsburg. Und als es1998 mit der USSR und den russischen Finanzen langsam bergab ging, sah sich Russland gezwungen eine der beiden Minenstädte aufzugeben. So mussten die Einwohner die Stadt innert Monaten verlassen und so steht sie heute nun hier. Ein giganischer Lost-Place. 



Wir wurden auf eine zweistündige Führung durch die Stadt mitgenommen. Entführt in eine andere Zeit und in eine andere Welt. Architektur, Einrichtung und einfach alles war ungewohnt. Russisch eben. Wir starteten am Flughafen, besichtigten ein Bauerngut, lernten viel über die Versorgung der Stadt, ehe wir am Kulturzentrum ankamen. Ein riesiges Gebäude, vor welchem die nördlichste Lenin-Statue der Welt seinen Platz gefunden hat. In diesem Kulturgebäude musste einst viel los gewesen sein. Um sich die Zeit zu vertreiben waren die Einwohner hier nämlich sehr aktiv in Kultur und Sport. Wir durften in das Gebäude eintreten und besichtigten einen Konzertsaal für 300 Personen, welcher auch oft als Kino genutzt wurde. Im gleichen Gebäude befand sich dann auch die Turnhalle, wo auf hölzernem Boden vor allem Fussball und Basketball gespielt wurde sowie ein Kraftraum. Auch hier machte sich die russische Architektur an jeder Ecke bemerkbar. Uns wurde hier nicht viel Zeit gelassen und wir spazierten schon bald durch die Fussgängerzone in die Gegenrichtung. Der nächste Besuch galt der Kantine. Auch hier durften wir das Innere inspizieren und wir waren wiederum sehr überrascht ob der Einrichtung dieses Gebäudes. Lost-Place-Fans kamen in der komplett eingerichteten Küche vollends zum Zuge und wir schossen Fotos und Videos. Weiter ging es dann durch das Dorf bis zum Hotel. Plötzlich kreuzte ein Tier unseren Weg. Ein wilder Polarfuchs schien auch auf dem Weg ins Hotel zu sein, schien etwas essbares zu wittern. Als er uns entdeckte, entschied er sich jedoch anders und setzte seinen Weg in die andere Richtung fort. Unser zweites wildes Tier heute, nach dem Rentier vor dem Motelfenster.














Das Hotel Pyramiden erwartete uns in mittlerweile gewohnt russischem Ambiente. Das Hotel ist das einzige komplett erhaltene Gebäude, was daran liegt, dass hier die wenigen Leute Unterschlupf finden. Hier kann man auch für ein paar Nächte absteigen und später mit einem anderen Schiff zurückfahren. Die Auswahl an Wodka in der Hausbar überzeugte uns jedoch nicht und wir ruhten uns nur ein wenig aus, ehe unser Bus zurück zum Boot fuhr. Wow! Was für eine Tour. Zwei Stunden durch eine russische Geisterstadt am Ende der Welt. Ein wohl wirklich einmaliges Erlebnis.

An Board war nun endlich Essenszeit. Es war schon 14:00 Uhr und der Magen knurrte. Im Preis inbegriffen war ein Mittagessen und auf dieses waren wir nun gespannt. Da wir gestern noch keine Chance zum Einkaufen hatten, gab es für uns keinen Plan B. Diesen brauchte es aber auch überhaupt nicht. Salat, Reis und Gulasch und dies sehr lecker. Wir erhielten eine grosse Portion und durften sogar nochmals nachfassen. Wirklich sehr fair. Doch diese Stärkung brauchten wir auch wirklich. Denn nun ging es nicht etwa zurück nach Longyearbyen. Nein nein. Ein weiteres Highlight erwartete uns nochmals ein kleines bisschen nördlicher.

Erst waren es nur ein paar Eisschollen. Eis, welches im Meer trieb und ab und an, immer mehr, gegen unseren Bug knallte. Auf einer Eisscholle hatte es sich sogar ein Seehund gemütlich gemacht und liess sich fotografieren. Ein zweiter tat es ihm kurz später gleich. Doch natürlich kommen die Schollen nicht von ungefähr. Vor uns bäumte sich immer mehr eine weiss-blaue Wand auf. Auch hier wieder über 40 Meter hoch. Der Nordenskiöldbreen, welcher sich vor uns türmte, ist der grösste Gletscher des Isfjords. Wir liessen uns ganz nahe an ihn herantreiben und hörten das Knarren in seinem Inneren. Wie Holz, welches bricht. Laut und unbändig. Plötzlich lösten sich am vorderen Teil des Gletschers grosse Eisblöcke und fielen krachend ins Meer. Der Gletscher ist auf dem Rückzug. Dieses Schauspiel wollten sich aber auch andere Lebewesen nicht entgehen lassen. Immer wieder tauchten die weissen Rücken der Belugas auf – Weisswale. Eine ganze Gruppe davon konnten wir mit Feldstechern und teilweise von blossem Auge erkennen. Auch eine Mutter mit ihrem, noch grauen, Jungen präsentierte sich uns. Der Kamerazoom reichte ohne Teleobjektiv jedoch nur für ein paar weisse Hügel. Und doch hatten wir auch noch Weisswale entdeckt. 






Der Halt beim Gletscher war eine gute halbe Stunde und erfüllte einem mit Ehrfurcht. Wie klein man sich vorkommt, wenn man einfach nur eine halbe Stunde vor einer solchen Eismasse, vor einer solchen kraftvollen Natur steht. Wir bahnten uns den Weg durch die eisige See zurück nach Süden. Die Heimfahrt sollte beinahe vier Stunden dauern und wurde nur durch einen kurzen Halt an einem Vogelfelsen unterbrochen. Ansonsten war der Rückweg derselbe und so verbrachten nun die meisten Passagiere ihre Zeit im Innern des Schiffes. Auch wir setzten uns, begannen Fotos auszusortieren. Doch die letzte Stunde zog es uns wieder an Deck und wir konnten die Anfahrt auf die Stadt Longyearbyen geniessen. Die San Gottardo stand auch noch immer im Hafen und der Bus wartete ebenfalls wieder, um uns zurück zum Gjestehuset zu fahren. Wir verabschiedeten uns bei Jakub und bedankten uns für eine 11-Stündige traumhafte Tour. Wer einmal in Spitzbergen ist MUSS diese Tour besuchen (und nicht die mit dem Speed-Boat, welche es in der Hälfte der Zeit für weniger Geld schafft). Ein Tag Erlebnis pur. Eine Expedition an vergessene Orte, zu wunderschönster Natur und zu wilden Tieren in ihrer natürlichen Umgebung. Die Tour kann man gar nicht genug loben und würdig beschreiben.

Ausklingen liessen wir den Tag erneut im Coal Miners Diner gegenüber. Wir trafen zum dritten Mal auf eine sehr nette Dame aus New York, mit welcher wir uns gestern im Transferbus und heute auf dem Boot schon unterhielten. Wir setzten uns zu ihr und lernten wieder einen interessanten Menschen kennen – etwas was reisen eben auch ausmacht. Ich beendete den Tag wie er für mich begann – mit Rentier. Zum Ende jedoch nicht vor dem Fenster sondern als Burger auf dem Teller. Auch das eine leckere Sache.